F r e i t o d
- Roman -
Leseprobe …
Lesung am „Welttag des Buches“ aus dem Manuskript (gemeinsam mit dem Schriftsteller Michael Amon)
Link zur Homepage von Michael Amon: http://ourworld.compuserve.com/homepages/amon_lit/
Kanonendonner.
Durchdringend. Gewaltig.
Ein Zucken. Eine Sekunde.
Das Bewusstsein des Mannes erhebt sich mit einem Knall aus dem schäumenden Meer seines Traums.
Der Professor war wieder da.
Kalter Schweiß hatte ihn in eine Wirklichkeit gespült, die sich gleich einer würgenden Hand an seinen Hals schraubte und gebieterisch den Atem nahm.
Die Augen des Alten standen mit einem Mal weit offen. Er nahm in der Dunkelheit keine Farben wahr, nur Konturen, der Raum hatte sich mit klaren Pinselstrichen seine Begrenzungen zurückerobert.
Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, eine quälend lange Zeit, bis ein knöchriger Finger endlich den Druckknopf zu drücken wagte, der in die Wand unmittelbar neben dem Bett eingelassen war.
Die Nachtschwester kam und beugte sich über den keuchenden Professor, der ganz flach, mit zurück gesenktem Haupt, auf dem Bett lag. Große, schwere Brüste verschmolzen mit der Zimmerdecke, die sich langsam und bedrohlich zu senken schien. Sie roch nach Kaffee, Zigaretten und Schlaf. Ihre müden grünen Augen wanderten wissend über seinen schmächtigen Körper, von welchem eine peinigende, aufzehrende Scham fordernd Besitz ergriffen und jedes andere Gefühl, jeden anderen Gedanken ausgemerzt hatte. Glühende Eruptionen aus dem Inneren des Körpers verbrannten mit einem Mal das Selbstwertgefühl des Professors, und übrig blieb ein zerbrechlicher alter Mann, zurückgeworfen in die Hilflosigkeit frühester Kindheit. Gleich den dichten Spinnweben, welche die nackte Deckenlampe besetzt hielten, überwölbte eine tief empfundene Verlorenheit die Wachheit seiner Gedanken.
…
Dem Professor war kalt, er zitterte, er vermeinte seine Knochen unter dem welken Fleisch klappern zu hören. Mehr als lauwarm war das Wasser, dem die tausenden Schaumperlen ebenso fehlten wie der betörende Duft von Nadelholz, den der Professor so liebte, tatsächlich nicht. Der Alte heftete seinen Blick auf die haarlose, bebende Brust, starrte über das kaum wahrnehmbare Geschlecht auf die Zinnen verkrümmter Zehen, deren Nägel viel zu lang waren. Die Silhouette seines nackten Körpers wurde vom kristallklaren Wasser umspült und getragen wie ein Stück Holz, dem jede Farbe entzogen worden war. „Mein Gott", dachte der Professor, „ist das alles wirklich? Bin das tatsächlich ich, das da im Wasser schwebt und verwest?"
Hinter seinen verschlossenen Augenlidern stürzte er zurück in ferne Vergangenheit. Während Carmen den Alten drehte und wendete, während ihre in Waschlappen steckenden Hände über seinen schmächtigen Körper wanderten, zitterte der junge Assistent an der Universität Heidelberg, den man in die verhasste Uniform der deutschen Wehrmacht gesteckt hatte, im eiskalten Wasser des nördlichen Atlantiks.
Tausende Leichen trieben an ihm vorbei, verbranntes und aufgeschwemmtes Fleisch, Millionen von Bruttoregistertonnen bohrten sich krachend in den weit aufgerissenen Schlund des Ozeans. Die verzweifelten Schreie der um ihr Leben Schwimmenden wurden von den Explosionen und dem Schnarren der tosenden Flammen überlagert. Vor brennendem Öl gibt es kein Entfliehen, kein Entkommen, es holt den schnellsten Schwimmer ein. Das waidwund torpedierte Schiff brannte in der Dämmerung über seine ganze Länge, ein bengalisches Schauspiel der Verwüstung und des Schreckens. Impressionen aus der Hölle.
Der Professor war im großen Krieg, in diesem verbrecherischsten aller Kriege, die in den Jahrtausenden über den Erdball gestürmt waren, U-Boot-Fahrer gewesen. Schiffe demolieren und versenken, Schiffe „wegputzen", den Feind „in Grund und Boden bohren", das hatte man den jungen Männern gelehrt. Die Versenkung des Feindes wurde mit einer Flasche Bier gefeiert, später nur noch mit einer halben. „Heil und Sieg und fette Beute!", mit diesem U-Boot-Fahrer-Gruß waren sie ausgelaufen, dem Befehl eines großmäulige, törichten Kommandanten folgend, der sich auf der Jagd nach dem Ritterkreuz befand.
Die Hitze, der Dreck und der Schweiß dieser Unterwasserwelt begleiteten den Professor nun schon seit Jahrzehnten in seinen Träumen, in denen er sich nie als Jäger, immer nur als Gejagter erblickte, stets war er es, der neben so vielen anderen im eisigen Wasser trieb und fror, zitterte, bangte, so oft war er mit verzweifelten Schlägen seiner halb erfrorenen Arme dem leuchtend gelben Schlauchboot hinterhergehetzt ...
…
Kein Pokal, kein blitzendes Stilglas, kein einfacher Keramikbecher stand dem Professor zur Verfügung, ein Zahnputzbecher erwies ihm den letzten Freundschaftsdienst.
Schlaftabletten
Schmerztabletten
„Nun endlich bin ich frei und einsam! Heut Abend will ich stockbesoffen sein; dann, ohne Furcht und ohne Reue, will ich mich auf die Erde strecken
Und schlafen will ich wie ein Hund! Der Karren mit den schweren Rädern und seine Fracht von Schmutz und Steinen, der rasende Waggon
Mag mir das schuldige Haupt zermalmen oder mich in zwei Stücke schneiden – ich pfeif drauf, wie auf Gott, den Teufel oder das heilige Abendmahl!"*
Cognac, Remy Martin, ... ein volles, bauchiges Glas, der Professor leerte es, ohne einmal abzusetzen, und dann spürte er es, dieses wohl vertraute, wärmende Brennen in der Kehle ...
Schlaftabletten
Schmerztabletten
... dann ein großes Glas Whiskey, Ballantine ...
Kanonendonner.
Glocken.
Ein Streichkonzert.
Ein Bordeaux. Weich und rund.
Wie Helgards Hintern.
Wie Carmens Brüste.
Nun kam der Mann mit dem Schierlingsbecher herein ...
…
AVE CAESAR
EINE POPULÄRE GESCHICHTE DER ALTEN RÖMER
INHALTSVERZEICHNIS (sehr vorläufig)
ZUM GELEIT
DIE WEGE NACH ROM
AUF DEN SCHWINGEN DES MYTHOS
FUSSABDRÜCKE EINES VOLKES
DER EINTRITT IN DIE GESCHICHTE
ROMS GÖTTERHIMMEL
ROM GEGEN KARTHAGO
Der Punische Krieg: 1. Akt
Hannibal ante portas
Karthago muß brennen
EINE REPUBLIK IM ABENDROT
Die soziale Revolution der Gracchen
Der Grobschlächtige: Marius, ein Bauernsohn kämpft sich nach oben
Der Schlächter: Sulla
Ein neuer Alexander? – Pompeius
RÖMISCHE LEBENSFORMEN
ENDLICH, BÜHNE FREI! – C A E S A R, der Jongleur der Umstände
Natürlich, Venus muß es sein! - Ein Sproß aus bestem Hause
„Viel Feind, viel Ehr!“ – Cicero und Genossen
„Ganz Gallien ist von den Römern besetzt ... Ganz Gallien?“
„Der Würfel möge fallen!“ - Herkules am Scheideweg
„Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ – Kleopatra, Tochter der Isis, Tochter des Nils
Die Erde bebte ... – oder: Ein Gott kehrt heim zu seinen Vätern
„ER STREICHT GELASSEN WIE EIN KAUFMANN ALLE ERGEBNISSE DER RÖMISCHEN GESCHICHTE EIN!“ - A U G U S T U S
Ungleiche Erben: Gaius Octavius und Marcus Antonius
„Moriendum est“ – „Sterben sollt ihr!“ - Augustus, der Saulus
Die Schlange am Busen – Kleopatra, letzter Akt
Und plötzlich: „Vater des Vaterlandes“ - Augustus, der Paulus
„Scheint es euch, daß ich das Theaterstück des Lebens nett gespielt?“ – Gewiß, er hat!
DIE ERBEN DES IMPERIUMS
Tiberius, Caligula, Claudius und Nero
Das Vier-Kaiser-Jahr
Vespasian und die Seinen
Trajan, Hadrian und Antonius Pius
VORHANG AUF FÜR EINE NEUE WELT
Der Philosoph auf dem Cäsarenthron: Marc Aurel und sein mißratener Sohn
Im Banne der Legionen: Die Soldatenkaiser
Diokletian
„Dieser kaltblütige und scheinheilige Rohling ... .“ - Konstantin, fälschlich der „Große“
Und noch zwei Kaiser: Valentinian und Theodosius
DER UNTERGANG DES WESTRÖMISCHEN REICHES
Der römische Adler ist müde, muß er sterben?
Die Germanen kommen!
Goten, Hunnen und Vandalen: Rom ist jede Reise wert
Licht aus, Vorhang zu
NICHT ZUFÄLLIG AM SCHLUSS: FUSSNOTEN ZU LITERATUR, PHILIOSOPHIE UND JURISTEREI
ZEITTAFEL
LITERATUR
Leseprobe...
„Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“
Kleopatra, Tochter der Isis, Tochter des Nils
„Unbekümmert haben bei den Lagiden um der Herrschaft willen Kinder, Eltern und Geschwister einander hingemordet ... Die Lagiden, obgleich griechischer Herkunft, beschämten durch ihre Gräueltaten orientalische Fürsten. In Kleopatras Blut floss das Blut so edler wie herrschsüchtiger Vorfahren, und da sie ihrer Zugehörigkeit zu ihnen die Krone verdankte, vermochte sie die Ahnen auch nicht in ihren Instinkten und Trieben zu verleugnen. Ererbt war alles, die Macht, der Glanz, die Herrschsucht, die Skrupellosigkeit.“Oskar v. Wertheimer
Am 13. Juni des Jahres 323 v. Christus starb in Babylon – zehn Tage nach einem orgiastischen Zechgelage - Alexander, der nicht erst von der Nachwelt den Beinamen „der Große“ erhalten hatte. Der makedonische König war nur 33 Jahre alt geworden. „Sonnenlos sind die Weltteile geblieben, die Alexander nicht gesehen haben“, schrieb der Grieche Plutarch, jene Länder aber, die er betrat, sind vom Griechentum tief geprägt worden, um ihrerseits Hellas, das Alexander aus seiner Enge befreit hat, zu prägen. Und der große Jacob Burckhardt notierte: „Ohne Alexander wüssten wir wenig von den Griechen, und das wenige würden wir zu wissen nicht begehren.“ Viele sahen und sehen in ihm den Mann, der den Willen eines ganzes Zeitalter vollzog, Ost und West miteinander zu versöhnen, zu verschmelzen. Alexander war mehr als ein „prachtvoller Räuber“, wie Niebuhr noch meinte, sein Zug nach Asien markierte die letzte Phase einer langen machtpolitischen Auseinandersetzung, welche die griechische Welt fast zwei Jahrhunderte in Atem hielt. Nur zwei Jahre vor der Thronbesteigung des „Verwandlers der Welt“ war die Freiheit der griechischen Stadtstaaten im Kampf gegen Alexanders Vater Philipp II. verloren gegangen. Ausgerechnet eine von Alexander befehligte Attacke der makedonischen Reiterei hatte die Schlacht entschieden. Und ausgerechnet diesem Mann, der die griechische Freiheit begrub, war es vorbehalten, die hellenische Kultur machtvoll über die damals bekannte Welt zu verbreiten.
Kaum der Schule des Aristoteles, der sein Lehrmeister war, entwachsen, zog der Zweiundzwanzigjährige los, setzte an der Spitze eines vergleichsweise kleinen Heeres nach Asien über und befreite die griechischen Küstenstädte von der persischen Herrschaft. Er nahm Syrien und Ägypten in Besitz. Er vernichtete die persischen Heere in drei großen Schlachten. Er eroberte Babylon, Susa, Persepolis und Ekbatana. Er drang bis nach Indien vor. Er hatte die Welt verwandelt. Caesar soll, als er fünfzig Jahre alt war, vor einer marmornen Büste Alexanders bittere Tränen vergossen haben, weil dieser mit dreiunddreißig Jahren bereits die Welt erobert gehabt habe, während er, Caesar, noch nicht einmal der Herr Roms sei. Diese pathetische Szene hat Pascal zu der zynischen Bemerkung angestachelt, man könne es zwar der Jugendlichkeit Alexanders zugute halten, dass er seine Zeit damit verschwendet habe, die Welt zu erobern, aber Caesar sei wahrlich alt genug gewesen – er hätte es wissen können!
Die Schlachten des Alexander, die hier als bekannt vorausgesetzt werden bzw. für unser Thema auch keine Rolle spielen, waren – ähnlich der Taten Caesars – von zahlreichen Glücksfällen begleitet. ALEXANDRI FORTUNA – Alexanders Glück war bereits für die antiken Schriftsteller so erstaunlich, dass kein geringerer als Plutarch einen Essay über das Thema verfasste. Die große Schlacht bei Issos, die Alexander das Tor nach Ägypten öffnete, hätte eben auch anders ausgehen können. Aber nochmals, nicht die Siege des Makedoniers, nicht seine unerhörten Ideen, nicht sein vom Mythos überwölbtes Leben und seine schwer fassbare Persönlichkeit, die bestialische Grausamkeit und überraschende Milde scheinbar mühelos in sich zu vereinigen vermochte, sind unser Thema, uns interessiert in der Folge das Land, jener schmale, faszinierende Landstreifen zu beiden Seiten des Nils, den Alexander im Dezember des Jahres 332 an der Spitze seines Heeres betrat und über welchen fast drei Jahrhunderte später die Königin Kleopatra herrschen sollte.
Ägypten. Noch heute bringt der Name des Landes in den Seelen des Europäers verborgene Saiten zum Schwingen, seit Napoleon Bonapartes Expedition im Jahre 1799 fühlt sich der moderne, abendländische Mensch von dieser Kultur wie magisch angezogen. Doch schon Alexanders Soldaten, von welchen die allermeisten noch nicht einmal Athen gesehen hatten und die nun vom noch unversehrten Lächeln der geheimnisvollen Sphinx begrüßt wurden, müssen schwer beeindruckt gewesen sein, schwer beeindruckt von der gewaltigen Tempelstadt zu Memphis, von den alles überragenden, alles übertreffenden großen Pyramiden, in deren größte, der Pyramide des Cheops, so riesige Kathedralen wie St. Peter, die Dome von Florenz und Mailand, die St.-Pauls-Kathedrale und Westminster-Abbey leicht Platz finden würden. Den Griechen galt Ägypten, dieses „Leuchtfeuer im umnachteten Meere der Urzeit“, als Wiege der ehrwürdigsten und ältesten unter den Kulturen, die von einem merkwürdigen Schleier des Geheimnisvollen umhüllt war. Zweieinhalb Jahrtausende herrschten die Pharaonen über das Reich am Nil, das der legendäre erste Pharao Narmer gegründet haben soll. Und – beinahe – zweieinhalb Jahrtausende sind vergangen, seit der letzte ägyptische Pharao auf der Flucht vor den Persern aus der Geschichte verschwand.
Für die Ägypter war Alexander der Befreier vom verhassten Joch der persischen Knechtschaft. Anders als die Perser achtete der Makedone die ägyptischen Bräuche und Götter, so reiste er etwa nach Memphis, um dem heiligen Apisstier zu opfern. Alexander betete zu den ägyptischen Göttern wie zu den griechischen, bald sollte er ohnehin einer der ihren sein. Im uralten Ptah-Tempel wurde Alexander „der Große“ zum Pharao gekrönt, nun trug der Sohn des Bauernkönigs die doppelte Krone Ober- und Unterägyptens. Auf einer Kartusche heißt es: „Horus, der starke Herrscher, er, der die Hand auf das Land der Fremden legt, Liebling des Ammon und Auserwählter des Ra, Sohn des Ra, Alexandros.“
Nach seiner doch überraschenden Gottwerdung, die Alexander im Gegensatz zu Caesar noch zu Lebzeiten gegönnt war, gründete er im westlichen Nildelta noch rasch die Stadt Alexandria, um sich im Anschluß mit einem Häuflein Getreuer in die 450 km entfernte Oase Siwa in der Libyischen Wüste aufzumachen, wo ein Orakelgott verehrt wurde, den die Ägypter mit Amun-Re, die Griechen mit Ammon identifizierten. Als Pharao war er der Sohn Amuns, den die Griechen – ebenso wie Ammon – mit Zeus, dem Göttervater, gleichsetzten.
Doch auch Götter sterben. Manche früher, manche später. Der Tod Alexanders war der Beginn seiner Legende. „Eine dunkle Wolke überzog den Himmel, und man sah einen Blitzstrahl ins Meer schlagen und mit dem Blitz einen großen Adler herabfallen ... der Blitzstrahl stieg wieder zum Himmel auf, und der Adler, der einen leuchtenden Stern hielt mit ihm. Und als der Stern am Firmament verschwand, da hatte auch Alexander seine Augen geschlossen.“ Die dunklen Wolken, die Blitze. Caesar werden wir erst etwas später sterben lassen, Christus war noch nicht geboren.
Und was waren Alexanders letzte Worte? Es gab keinen Brutus, der ihm einen Dolch zwischen die Rippen gebohrt hätte. „Es ist gut“, jene Worte, die angeblich Immanuel Kant sprach, bevor er verschied, wären für diesen jungen Mann auch nicht eben passend gewesen. Und dennoch: So genannte „letzte Worte“ so genannter „großer Männer“ bleiben als mumifizierter Bildungs(bürger)schatz im kollektiven Gedächtnis der Nachwelt hängen, unabhängig davon, ob deren Authentizität nun verbürgt ist oder nicht. Wir wollen also den Oberstudienrat, der versehentlich zu diesem Buche gegriffen hat, nicht enttäuschen und als Überleitung zum nächsten Absatz das – vielleicht – vorletzte Alexanderwort bemühen, der auf die Frage seiner Generäle – „Wem willst du die Königsherrschaft hinterlassen?“ – geantwortet haben soll: „Hoti to kratisto“ – dem Stärksten!
Diese Antwort, so sie denn historisch ist, birgt ein Stück Prophetie in sich und weist auf die unmittelbare Zukunft nach Alexanders unerwartetem Tod. Im gesamten Reich brachen Kämpfe um seine Nachfolge aus. Alexanders Feldherren, die „Diadochen“ (Nachfolger), beanspruchten das Erbe jeweils für sich und führten über zwei Jahrzehnte in wechselnden Koalitionen gegeneinander Krieg. Zwar hatte Alexander einen Sohn, Alexandros, doch dieser kam erst nach dem Tode des Vaters zur Welt und erreichte das Erwachsenenalter nicht. Dreizehn Jahre nach Alexanders Tod wurde er gemeinsam mit dessen Mutter Rhoxane, selbst eine Mörderin, „beseitigt“. Übrigens: Alexander, der strahlende Held der Geschichtsbücher, lebte nicht außerhalb der barbarischen Bräuche seiner Zeit, er war ebenso mörderisch und grausam wie seine Gegner, seinem Freund und Lebensretter Kleitos bohrte er, rasend vor Wut, eigenhändig einen Speer in den Leib. In Tyros ließ er 8000 Verteidiger der Stadt töten, 30 000 Einwohner wurden in die Sklaverei verschleppt, Massenmorde und Massenversklavungen waren an der Tagesordnung, auch Frauen und Kinder wurden nicht verschont.
In Ägypten herrschte nun Alexanders Freund und vormaliger Leibwächter Ptolemaios („der Kriegerische“). Zunächst nur Statthalter, nahm er im Jahre 305 als Ptolemaios I. Soter („Ret ter“ oder „Erlöser“) den Königstitel an und begründete die Dynastie der Lagiden, welche bis zur römischen Eroberung des Landes im Jahre 30 v. Chr. regierte. Ptolemaios, der Alexandria zu seiner Hauptstadt machte, gründete eine absolutistische, sich auf eine starke Beamtenschaft stützende Monarchie nach orientalischem Vorbild. Der König, der den Mittelpunkt eines prachtvollen Hofstaates bildete, wurde von seinen Untertanen wie ehemals die göttlichen Pharaonen verehrt, wenngleich sich die griechisch-makedonische Bevölkerung, welche die zahlenmäßig kleine Oberschicht bildete, dieser Tradition nur zögerlich beugte. Nach seinem Tode wurde er zum Gott erhoben. Die alte ägyptische Kultur lebte unter diesem Herrscher und seiner Dynastie neben der neuen griechischen fort. Die Ägypter behielten die Sprache, ihre Religion, ihre Sitten. Alexandria entwickelte sich zu einem pulsierenden Zentrum der Wissenschaft, der Philosophie und der Kunst, zu einem Schmelztiegel für Völker und Kulturen, zum Mittelpunkt des Welthandels. Nach der Gründung des Museions und der legendären Bibliothek zog die Hauptstadt der Ptolomaier geistige Größen wie Euklid, Theokrit oder Eratosthenes in ihren Bann, später Archimedes und Aristarchos aus Samos, der die Bewegung der Erde um die Sonne und ihre eigene Achse lehrte. Hier sammelten sich „Atheisten, aus dem freisinnigen und demokratischen Athen verbannt, Gläubige vom Ganges, monotheistische Juden und Gotteslästerer aus Kleinasien.“ Auf einem Papyrus heißt es: „Alexandria ist die ganze Erde.“
Im Hafen Alexandrias, auf der Insel Pharos, ragte als eines der sieben Weltwunder der Antike der riesige Leuchtturm in den Himmel, der 279 v. Chr., nach zwanzigjähriger Bauzeit, unter Ptolemaios II. fertiggestellt wurde. Die beiden ersten Stockwerke, gemeinsam etwa 105 Meter hoch, wurden von einem dritten, mehr als 9 Meter hohen Stockwerk gekrönt, welches das offene Leuchtfeuer barg, dessen Licht, durch einen gewaltigen Hohlspiegel gebündelt, noch in einer Entfernung von fünfundfünfzig Kilometer gesehen werden konnte und eine kolossale Statue, vermutlich aus Bronze, in ein atemberaubendes Licht tauchte. Auch strategisch war der Pharos wichtig. „Wegen der Enge der Durchfahrt kann kein Schiff ohne die Einwilligung derjenigen, die den Pharos im Besitz haben, in den Hafen gelangen“, schrieb Julius Caesar, der im Jahre 48 v. Chr. während einer für ihn und Kleopatra gefährlichen Situation den Leuchtturm besetzen ließ.
Caesar. Kleopatra. Wir haben mehr als zwei Jahrhunderte hinter uns gelassen und befinden uns mitten im römischen Bürgerkrieg. Die glanzvollen Zeiten des Ptolemäer-Imperiums waren längst schon vorbei. Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. hatte Ägypten aufgrund sozialer Unruhen und dynastischer Wirren beinahe alle Besitzungen in der Ägäis verloren, die Abhängigkeit von Rom war nicht mehr zu übersehen. Zu jener Zeit, als Kleopatra VII. die mächtigsten Männer des römischen Weltreiches – Caesar und später Antonius - an sich zu binden verstand, an ihren Charme, ihren Thron, ihren Intellekt und nicht zuletzt an ihr Bett, war das griechische Volkstum bereits im ägyptischen aufgegangen.
Kleopatra, die im übrigen die erste Vertreterin ihrer Dynastie war, die ägyptisch sprach, war freilich alles andere als eine „Ägypterin“. Von ihrem Vater Auletes glaubte man, so C. Bradford Welles, „dass er ein Bastard war: seine Mutter wäre nicht die Schwester-Gemahlin Soters II., sondern – möglicherweise – eine griechische Kurtisane. Falls Kleopatras Mutter, was wahrscheinlich ist, eine Schwester des Auletes war, kann man hypothetisch berechnen, dass Kleopatra zur Hälfte Griechin, zu drei Achteln Makedonin und zu einem Achtel Iranierin war.“ Doch was bedeutet dies schon, was sagt schon die „Herkunft“ über einen Menschen aus. Überhaupt wissen wir nicht sehr viel über diese Frau, die zwischen 51 und 30 v. Chr. in Alexandria herrschte.
„Sphinx in Menschengestalt“ wurde Kleopatra genannt, femme fatale, sie sei eine jener Frauen gewesen, „die Verhängnis um sich verbreiten“. Die römischen Schriftsteller und Historiker gingen hart mit ihr ins Gericht, Cicero, der ihr mehrmals in Rom begegnet war, schien sie zu hassen, Ovid, Properz und Lucan sprachen nur verächtlich über sie, Plinius endlich nannte sie „Dirnenkönigin“. Virgil und Horaz, Dichter ihrer eigenen Zeit, urteilten etwas nachsichtiger. Gegen Kleopatra richtete sich, wie W. W. Turn schrieb, „einer der schlimmsten Hassausbrüche der Geschichte. Keine Beschuldigung war zu gemein, um nicht gegen sie erhoben zu werden; das Echo der Anklagen, die man gegen sie schleuderte, ist noch heute in der ganzen Welt zu vernehmen – und man hält diese Verleumdungen manchmal noch für wahr“. Es waren die von hohen Ambitionen getragenen und von Kleopatra mit großem Selbstbewusstsein verfolgten politischen Ziele, die sie ihren Feinden gefährlich machte. Griechen und hellenisierte Orientalen als Partner Roms und nicht mehr dessen Untertanen? Undenkbar.
Selbst Shakespeare, durchaus angetan von der Gestalt der Kleopatra, konnte sich den Verdikten der Alten nicht entziehen. Auf Plutarch gestützt, schrieb er in „Antonius und Cleopatra“:
„Sie macht das Alter
Nicht welk, noch täglicher Genuß ihr stumpf
Den Reiz, den immer neuen. Andre Weiber
Sättigen die Lust gewährend; sie macht hungrig
Je reichlicher sie schenkt, denn das Gemeinste
Wird so geadelt, dass die heiligen Priester
Sie segnen, wenn sie buhlt.“
Kleopatras Vater Ptolemäus XII. Auletes („der Flötenspieler“) war im Jahre 51 v. Chr. verstorben. Die Achtzehnjährige bestieg daraufhin als Kleopatra VII. mit ihrem zehnjährigen Bruder Ptolemäus XIII. den Thron. Es gilt als gesichert, dass die Geschwister verheiratet waren. Dieser politisch motivierte dynastische Inzest, der die alte pharaonische Tradition fortführte, schien den Ptolemäern notwendig, um vor den Augen des Volkes und vor allem der Priesterschaft, die in der Spätzeit der Ptolemäer-Herrschaft wieder mächtig geworden war, die Chimäre ihrer göttlichen Abkunft zu dokumentieren. Während der Knabe Ptolemäus eine Marionette an den Fäden seiner Ratgeber war, zeigte Kleopatra bereits in frühen Jahren große Willensstärke, politischen Ehrgeiz und hohe Intelligenz. Den machthungrigen Höflingen, welche die Aufsicht über den jungen König inne hatte, war Kleopatra ein Dorn im Auge, als spätere Gattin des leicht lenkbaren Ptolemeios sollte deshalb an Kleopatras statt Arsinoe treten, eine jüngere Schwester. Hauptgegner der Königin war ein Eunuch namens Pothinos, der Vorsitzende des Regentschaftsrates und Premierminister des Jahres 48. In diesem Jahr wurde ein Mordkomplott gegen die junge Königin aufgedeckt, worauf diese nach Syrien floh und von dort den Widerstand gegen ihre Gegner organisierte.
In Ägypten tobte ein erbittert geführter Bürgerkrieg. „Bürgerkrieg“, schrieb Ernle Bradford, „Brudermord, Vatermord und alle anderen Varianten von Mord in einer Familie waren in den Beziehungen zwischen den inzestuösen, korrupten Ptolemäern keine Seltenheit“. Dies ist ohne Zweifel richtig, doch dieser Zwist wurde gleich einem übermächtigen Schatten von einem anderen Bürgerkrieg berührt, jenem Titanenkampf zwischen Caesar und Pompeius, der das Römische Reich erschütterte. Pompeius hatte einst der Dynastie der Ptolemäer den Thron gesichert und eine Annexion durch Rom verhindert. Nun stand er, der große Verlierer der Schlacht von Pharsalus, vor den Toren Ägyptens, um neue Kräfte zu sammeln. Hier lebten viele seiner ehemaligen Soldaten, die er wieder für sich zu gewinnen hoffen durfte. Außerdem hatte er elf Jahre zuvor diesem Land, in dem es Papyrus, Leinen, Edelmetalle und Edelsteine im Überfluss gab, Korn vor allem auch, schon einmal gewaltige Reichtümer entrissen, warum es also nicht noch einmal versuchen? Für Pompeius war Ägypten an jenem 28. September des Jahres 48 v. Chr., als er mit seiner kleinen Flotte östlich von Alexandria anlegte, der Rettungsanker im Kampf gegen Caesar. Hier, im Osten, war einst sein Stern aufgegangen. Noch war nichts verloren. Alle Mittel und Möglichkeiten Asiens und letzten Endes auch Afrikas standen ihm offen, Ägypten war der Schlüssel zu seiner Zukunft.
Pompeius schickte einen Abgesandten zu den Ratgebern des Ptolemäus, die sich mit dem Kindkönig bei dessen Armee befanden, welche nahe der Küstenstadt Pelusium dem Heer Kleopatras gegenüberlag. Alexandria, die Metropole, war in den Händen von Pothinus und eines Generals namens Achillas, der wahren Mächtigen im Ägypten jener Tage. Sollten sie Pompeius Gastfreundschaft gewähren und unterstützen? Dies hieße, Caesar zu provozieren und zuzulassen, dass Ägypten die Arena für die finale Auseinandersetzung zwischen den beiden Feldherren sein würde. Würde man Pompeius aber wegschicken, ihn brüskieren, könnte dieser in Syrien zu Kleopatra stoßen, die für das Talent des Römers gewiss empfänglich wäre. Und außerdem: „Es spricht vieles dafür“, schrieb Oskar von Wertheimer in seiner Kleopatra-Biographie, „dass Kleopatra in jenem Jahr (51 v. Chr., Anm. C. D.) die Geliebte des jungen Gnäus Pompejus wurde“, womit Pompeius Sohn gemeint ist. Schon damals also könnte sich Kleopatra aus politischen Gründen mit einem Römer eingelassen haben.
Wie auch immer. Die Berater des Ptolemäus waren sich uneins, wie man Pompeius gegenübertreten solle. Zur Galeere des Römers wurde schließlich ein Ruderboot entsandt, in dem sich drei Männer befanden. Achillas, der einflussreiche General, und zwei römische Offiziere, welche die Grüße ihres Königs überbrachten. Pompeius verließ daraufhin in Begleitung dreier weiterer Personen seine Galeere und bestieg das Ruderboot, das ihn zur Küste bringen sollte. Für eine Galeere sei der Hafen zu seicht, wurde ihm gesagt. „Als die Ruderer auf die Küste zufuhren“, fasst Michael Grant zusammen, „stieß ihm einer der Römer ... einen Dolch in den Rücken; er fiel vornüber in das Boot und starb“. Auch er soll, wie sein Feind Caesar einige Jahre später, seine Toga über den Kopf gezogen haben, bevor er sein Leben aushauchte. „So endete Pompeius der Große“, hielt Bradford fest, „der Mann, der das Mittelmeer von Piraten befreit hatte, einer der größten Feldherrn seiner Zeit, der es aber zugelassen hatte, dass listigere Männer als er seine Eitelkeit ausgenutzt hatten“.
Nur vier Tage nach diesem Mord, der dem jungen Ptolemäus in Dantes Inferno einen schimpflichen Platz an der Seite von Judas und des biblischen Kain eintrug, schiffte sich Caesar, von Rhodos kommend, mit zehn Kriegsschiffen, im Hafen von Alexandria ein. Theodotus, ein überaus einflussreicher Höfling, überbrachte dem Römer den Siegelring des Pompeius sowie dessen abgetrenntes Haupt. Dass Caesar angesichts des abgeschnittenen Kopfes seines Gegners Tränen in den Augen gehabt und sich voll des Abscheus abgewandt haben soll, entsprang eher der Phantasie einiger Autoren als den Tatsachen, die insbesondere der cineastischen Phantasie unserer Tage hilflos ausgeliefert sind. Tatsache vor allem war, dass Caesar nach Ägypten kam, nicht nur um Pompeius zu vernichten, sondern vor allem auch, um zu Geld zu kommen, wovon er zeitlebens stets zu wenig hatte. Dreieinhalb Millionen Pfund würde Ägypten Rom schulden, hieß es, die Forderungen lauteten auf zwei Millionen. Caesar gab ferner vor, als Schiedsrichter in das Land der Pharaonen zu kommen, als „Freund beider Seiten“, als Vollstrecker des letzten Willens Ptolemäus XII., der Rom gebeten haben, die gemeinsame Regentschaft von Tochter und Sohn zu garantieren.
Zwar vermochte Caesar, Ptolemaios zur sofortigen Rückkehr nach Alexandria zu bewegen, doch die von ihm urgierten Zahlungen wurden von Pothinus strikt verweigert, er, Caesar, habe doch woanders gewiss viel dringendere Aufgaben zu erledigen, wurde ihm von dem Eunuchen ausgerichtet. Der Höfling wusste natürlich, dass die strategische Lage der Römer nicht einfach war, da Caesar nur 3 200 Mann Infanterie und 800 Reiter zur Verfügung hatte, während sich die feindlich gesonnene Bevölkerung von Alexandria, von der Armee des Achillas noch gar nicht zu reden, damals zwischen einer halben bis zu einer Million Einwohner bewegt haben dürfte.
Bald kam es auch zur ersten Begegnung zwischen Caesar und Kleopatra. Ob der Römer sie zum Kommen aufgefordert hatte oder ob sie aus freien Stücken kam, ist ungewiss, sicher ist, dass die Reise für die Königin gefährlich war. Und der Teppich, aus dem die junge Frau sich angeblich vor die Füße Caesars rollte? Grant schrieb: „Ihre Landung ist durch den vielleicht zutreffenden Bericht zur unsterblichen Legende geworden, nach dem der sizilianische Kaufmann Appolodorus sie in einen Teppich oder eine Matratze gerollt an den Küstenwachen vorbeigeschmuggelt hat.“ Wie auch immer es zum ersten Treffen gekommen sein mag, der zweiundfünfzigjährige Caesar empfing das einundzwanzigjährige Mädchen und machte sie zu seiner Geliebten. Plutarch berichtet über die „Teppich-Szene“: „Dies war die erste List, durch die Caesar gefesselt wurde. Sie zeigte äußerst reizenden Mutwillen, aber auch ihr sonstiges Benehmen im Umgang sowie ihre übrigen Reize wirkten bei ihrem Sieg mit.“ Ähnlich urteilte Dio Cassius: „Caesar war bei ihrem Anblick und sobald sie den Mund zum Sprechen öffnete, gefesselt.“
… …