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Dienstag, den 01. Juni 2010 um 10:04 Uhr

 

LESEPROBE

Carmen schob den Rollstuhl mit dem Professor durch den von mattem Licht erhellten Gang zum Aufzug. Es waren nur wenige Meter. Der Hausmeister, der in kurzem Abstand hinterher trottete, öffnete die Tür und drückte, nachdem alle drei eingetreten waren, einen Knopf, auf welchem „Erdgeschoss“ stand. Noch immer wurde nichts gesprochen. Der Professor starrte auf die nackte, grüne Metallwand, während Carmen und der Hausmeister in die entgegen gesetzte Richtung blickten.

Das Leben hat sich von ihm abgewandt, wusste der Professor, es entglitt ihm. Doch war es überhaupt noch wert, fest gehalten zu werden? Was hatte ihm das Leben, dieses Leben, noch zu bieten? Was anderes als Angst, Schmerz, Ungewissheit? Das kalte Metall des Aufzugs konzentrierte die wirr umherschwirrenden Gedanken des Alten auf diese eine Frage. Ein trüber Spiegel spie Nebel, Zweifel, Irritation. Was hatte dieses Leben noch zu bieten? Würden sie ihm nach dieser Nacht Windeln anlegen? Würden sie ihn wickeln wie ein Kleinkind?
Ein sanfter Ruck brachte den Lift zum Stehen. Der Hausmeister stemmte sich erneut gegen die Tür und Carmen schob den Rollstuhl. Der Flur, der zum Pflegebad führte, war von schlichten Zeichnungen gesäumt, welche von den Zivildienern im Auftrag der Verwaltungsdirektorin hinter ebenso schlichte Glasrahmen gebannt und sodann an die Wände genagelt worden waren. Ausdruckslose Gesichter mit riesigen, in tiefem Rot gemalten Mündern und überdimensionierten Augen starrten auf die kleine Gruppe, die schweigsam ihrem Weg folgte, Phantasieblumen, farbenfrohe, aus Kinderfedern entflossen scheinende Emanationen, die den Professor nur noch tiefer in seinen Stuhl drückten. Es waren alte Menschen, die diese Bilder gemalt hatten, Greise aus dem Bauernstand, die ihre verblassten Erinnerungen an Fauna und Flora mit zittriger Hand auf Papier zu bannen versuchten, alte, einsame Frauen, die das kindliche Antlitz ihrer längst erwachsenen Enkelkinder, die sich ihrem Gesichtskreis entzogen hatten, mit einfachen Pinselstrichen konservierten.
Mit den Farbstiften und Wasserfarben drückten die rührend um das Wohl ihrer Schutzbefohlenen besorgten Schwestern in den so genannten Kreativecken den Alten ein Werkzeug in die Hände, mit deren Hilfe diese die Fetzen ihres flüchtenden, ihres sich verflüchtigenden Gedächtnisses zu visualisieren und somit festzuhalten vermochten, im grauen Schleier der Jahrzehnte versunkene Lebenswelten enthoben sich in sattem Orange oder kräftigem Grün der Gischt des Vergessens, selbst in simplen Kritzeleien, oftmals mit letzter Kraft und viel Liebe einem klein und eng gewordenen Kosmos zum Geschenk gereicht oder diesem entrissen, offenbart sich dem wachen Geist des Betrachters der Wunsch nach Aufmerksamkeit, nach Kommunikation. Von den Wänden des Ganges sprangen dem Professor Entrümpelungsversuche der Seele entgegen, unbewusste Vergegenwärtigungen vergessener und gelebter Leben, manch Sinnloses auch, lustlos ebenso wie lustvoll Hingeworfenes, inkommensurable Manifestationen dementer Kunst.
Der Professor freilich machte keinen Unterschied. Was kümmerte ihn die Motivation, die Befindlichkeit, der Zustand derer, die sich hier verewigt hatten? Die roten Münder schienen ihn ebenso zu verspotten wie die traurigen Augen der nackten Männlein mit ihren wuchernden Bäuchen. Die grünen Landschaften bäuerlicher Idyllen empfand er als Bedrohung, die dunklen Nadelbäume säumten teilnahmslos den Weg in die Auslöschung.
Als er in früheren, unendlich weit zurückliegend scheinenden Jahren, welche in den müden Augen des Professors nunmehr als Jahre vergossenen Glücks erstrahlen mussten, seine Wege zu den Hörsälen seiner Universität bestritten hatte, blickten Nobelpreisträger auf ihn herab, verblichene Große ihrer Disziplinen, Protagonisten der universitären Forschung, Naturwissenschafter, Philosophen, Geschichtsschreiber, Ökonomen.
Und nun? Rundgesichtige Fratzen verlachten ihn mit infernalischem Gegrinse auf seinem Weg in eine Wanne voll lauwarmen Wasser, in welche er gesetzt werden würde wie ein Kind.